Kolumnen/Felix Berger
Kolumne · Technologie

Der KI-Boom wird zur Investitionsgeschichte

Die OECD nennt KI-bezogene Aktivitäten inzwischen als Stütze für Investitionen, Produktion und Handel. Damit wandert die Debatte von Modellen und Anwendungen in die reale Kapitalbildung.

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Der KI-Boom verändert gerade seinen Charakter. Die OECD nennt KI-bezogene Aktivitäten ausdrücklich als Stütze für Investitionen, Produktion und Handel. Damit wird aus einer Debatte über Modelle und Anwendungen zunehmend eine Geschichte über Kapitalbildung, Infrastruktur und reale Produktionskapazität.

Gerade deshalb sollte man die Aussage nicht größer machen, als sie ist. Die OECD beziffert den Beitrag von KI in den vorliegenden Angaben nicht. Es gibt keine belastbare Zahl dafür, wie viele Zehntelprozentpunkte des Wachstums auf Rechenzentren, Chips, Software oder andere KI-bezogene Investitionen entfallen. Wer aus dem Hinweis bereits eine präzise Wachstumsgeschichte konstruiert, verwechselt eine beobachtete Stütze mit einem gemessenen Gesamteffekt.

Trotzdem verändert sich der Maßstab, an dem die KI-Debatte gemessen werden sollte. Lange wurde vor allem darüber gesprochen, welches Modell leistungsfähiger ist, welche Anwendung mehr Nutzer gewinnt oder welche Bewertung ein Unternehmen erreicht. Für die Volkswirtschaft sind andere Fragen wichtiger: Wie viel zusätzliche Infrastruktur wird gebaut? Welche Investitionen wären ohne KI nicht erfolgt? Entstehen neue Produktionskapazitäten? Und lässt sich daraus irgendwann ein messbarer Produktivitätseffekt ableiten?

Diese Fragen führen weg von der Oberfläche der Technologie und hin zu ihrer materiellen Basis. Rechenleistung braucht Chips, Rechenzentren, Strom, Netze und Kapital. Unternehmen müssen Software nicht nur testen, sondern in reale Prozesse integrieren. Wenn KI wirtschaftlich bedeutend wird, dann zeigt sich das deshalb nicht nur in Nutzungszahlen, sondern in Investitionsbudgets, Produktionsentscheidungen und Handelsströmen. Genau dort beginnt die interessantere Phase dieser Entwicklung.

Der OECD-Ausblick zeigt zugleich, warum man sich vor einfachen Erzählungen hüten sollte. Für den Euroraum erwartet die Organisation 2026 und 2027 jeweils nur 1,0 Prozent Wachstum, deutlich weniger als für die Weltwirtschaft insgesamt. Eine dynamische KI-Investitionswelle kann also gleichzeitig mit einem insgesamt moderaten wirtschaftlichen Umfeld existieren. Einzelne Wachstumsfelder ersetzen nicht automatisch eine breite konjunkturelle Belebung.

Das ist auch deshalb wichtig, weil große Investitionswellen häufig sehr konzentriert beginnen. Ein kleiner Teil der Wirtschaft kann enorme Summen bewegen, ohne dass sich die Wirkung sofort auf Löhne, Konsum oder die gesamte Industrie verteilt. Bei KI dürfte die entscheidende Frage deshalb sein, ob die anfänglichen Infrastruktur- und Technologieausgaben später in eine breitere Nutzung übergehen. Erst dann wäre aus einem Investitionszyklus ein dauerhafter Produktivitätseffekt geworden.

Für Unternehmen heißt das: Die interessante Grenze verläuft nicht zwischen Firmen, die KI nutzen, und Firmen, die sie nicht nutzen. Entscheidend wird sein, ob aus Nutzung ein wirtschaftlicher Effekt entsteht. Ein Pilotprojekt kann technisch beeindruckend sein und trotzdem kaum etwas an Kosten, Geschwindigkeit oder Output verändern. Erst wenn Technologie in Prozesse eingebaut wird und dort dauerhaft Leistung verändert, wird sie aus volkswirtschaftlicher Sicht relevant.

Für Deutschland ist das besonders relevant. Die OECD verweist auf eine Erholung der Exporte als Beitrag zur Belebung, ohne in den vorliegenden Angaben eine konkrete deutsche Wachstumsrate oder den Umfang dieses Beitrags zu nennen. Daraus folgt eine nüchterne Perspektive: Ob Deutschland von der KI-Investitionswelle profitiert, entscheidet sich nicht daran, wie häufig über KI gesprochen wird, sondern daran, ob Unternehmen hierzulande einen Teil der entstehenden Wertschöpfung, Infrastruktur und Produktion tatsächlich abbilden können.

Dazu gehört auch, die richtige Ebene der Debatte zu wählen. Wenn sich die Diskussion fast ausschließlich auf einzelne Modelle konzentriert, übersieht sie möglicherweise die langfristig wichtigeren Engpässe: Rechenkapazität, Energie, Kapital, industrielle Umsetzung und die Fähigkeit von Unternehmen, neue Technik in bestehende Abläufe einzubauen. Eine Volkswirtschaft gewinnt nicht automatisch, weil sie viele Anwendungen ausprobiert. Sie gewinnt dann, wenn daraus produktive Kapazität entsteht.

Deshalb ist die wichtigste Kennzahl der kommenden Jahre wahrscheinlich nicht die Zahl veröffentlichter Modelle. Interessanter wird sein, wie sich Investitionen in Rechenzentren, Halbleiter, Strominfrastruktur, Software und Automatisierung entwickeln und ob diese Ausgaben dauerhaft höhere Produktion oder Produktivität ermöglichen. Erst dann lässt sich unterscheiden, welche Teile des aktuellen Booms vor allem Erwartung sind und welche sich in belastbare wirtschaftliche Substanz übersetzen.

Ebenso wichtig ist die Gegenfrage: Was passiert, wenn sich die hohen Erwartungen nicht schnell genug in wirtschaftliche Effekte übersetzen? Dann könnte ein Teil der heutigen Investitionen trotzdem sinnvoll gewesen sein, weil Infrastruktur und technisches Wissen langfristig nutzbar bleiben. Aber die Bewertungen von Unternehmen und die Erwartungen an kurzfristiges Wachstum wären anders zu beurteilen. Genau deshalb ist die Trennung zwischen realem Kapazitätsaufbau und bloßer Euphorie so wichtig.

Die OECD liefert dafür noch keine abschließende Antwort. Aber sie liefert einen Hinweis darauf, wo man künftig genauer hinschauen sollte. KI wird wirtschaftlich dann wirklich interessant, wenn sie nicht mehr nur in Technologiepräsentationen auftaucht, sondern in Investitions-, Produktions- und Handelsdaten. An diesem Punkt beginnt aus einer Technologiegeschichte eine volkswirtschaftliche Geschichte zu werden.

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