Kolumnen/Enes Kalem
Kolumne · Digitalisierung

Das deutsche Digitalproblem ist nicht die Technik. Es ist die Selbstblockade.

Wir können Quantenforschung, Halbleiter und industrielle KI. Gleichzeitig scheitern Bürger und Unternehmen an nicht verknüpften Registern, sieben Behörden und zu wenig Glasfaser. Deutschlands Rückstand ist kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.

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Deutschland hat ein merkwürdiges Verhältnis zur Digitalisierung. Wir reden seit Jahren darüber, als wäre sie ein großes Zukunftsprojekt. Dabei ist sie längst Grundversorgung. Ein Unternehmen gründen, eine Adresse ändern, eine Genehmigung beantragen, Daten zwischen Behörden austauschen oder einen schnellen Anschluss bekommen: Das sind keine futuristischen Aufgaben. Das ist digitale Normalität. Und genau bei dieser Normalität wirkt Deutschland noch immer erstaunlich verkrampft.

Das Frustrierende daran ist, dass wir technisch keineswegs abgehängt sind. Der Digital-Decade-Bericht der Europäischen Kommission für 2026 bescheinigt Deutschland eine starke Position bei Halbleitern und Quantentechnologien. Gleichzeitig nennt die Kommission dieselben strukturellen Schwächen, die seit Jahren durch jede Digitaldebatte geistern: zu wenig Glasfaser, eine schwache Nutzung digitaler Verwaltungsdienste, geringe eID-Nutzung und Schwierigkeiten bei der Einführung fortgeschrittener Technologien. Wir können an der Spitze forschen und trotzdem im Alltag an Schnittstellen scheitern.

Besonders absurd wird dieser Widerspruch, wenn aus Digitalisierung Verwaltung wird. Die OECD beschreibt für Deutschland weiterhin keinen echten digitalen One-Stop-Shop für Unternehmensgründungen. Wer eine GmbH gründet, muss nach ihrer Analyse 14 unterschiedliche Verfahren bei sieben verschiedenen Behörden durchlaufen. Vierzehn Verfahren. Sieben Behörden. In einer Volkswirtschaft, die gleichzeitig darüber diskutiert, wie sie mehr Gründer, mehr Produktivität und mehr technologische Dynamik bekommt. Das ist kein Mangel an Apps. Das ist ein Prozessproblem.

Und genau hier liegt für mich der Kern. Wir behandeln Digitalisierung zu oft wie eine zusätzliche Schicht auf einem alten System. Das Formular wird zum PDF. Der Antrag bekommt ein Portal. Die Behörde bekommt ein Nutzerkonto. Aber die Logik darunter bleibt dieselbe: getrennte Register, unterschiedliche Standards, mehrfach abgefragte Daten und Zuständigkeiten, die technisch nichts miteinander zu tun haben wollen. Ein analoger Prozess wird nicht modern, nur weil er auf einem Bildschirm stattfindet.

Die Europäische Kommission beschreibt die deutsche Verwaltung 2026 sehr nüchtern: Die Verfügbarkeit und Nutzung digitaler öffentlicher Dienste sei vergleichsweise gering, die eID-Nutzung weiterhin sehr niedrig, und der dezentrale Rollout werde durch technische, organisatorische und politische Hürden sowie fragmentierte Zuständigkeiten gebremst. Man muss diesen Satz zweimal lesen, weil darin praktisch das gesamte deutsche Digitalproblem steckt. Wir haben nicht zu wenig Ideen. Wir haben zu viele Brüche zwischen den Stellen, die sie umsetzen sollen.

Dasselbe Muster sieht man bei der Infrastruktur. 2025 stieg die Zahl aktiver Glasfaseranschlüsse in Deutschland laut Bundesnetzagentur auf 6,4 Millionen. Das ist Fortschritt. Trotzdem machten Glasfaseranschlüsse damit erst 16,5 Prozent der aktiven Festnetz-Breitbandanschlüsse aus. Ende 2025 waren 27,1 Millionen Haushalte und Gebäude zumindest mit Glasfaser in unmittelbarer Nähe erschlossen, doch die Take-up-Rate lag bei nur 24 Prozent. Wir bauen also schneller, aber zwischen Ausbau, Hausanschluss, Aktivierung und tatsächlicher Nutzung bleibt weiter ein großer Abstand.

Auch bei KI zeigt sich dieser deutsche Widerspruch. Wir haben starke Forschung, industrielle Daten, Maschinenbau, Automatisierung und Unternehmen, die weltweit in komplexen technischen Systemen konkurrieren. Gleichzeitig sieht die EU-Kommission weiter Lücken bei der Einführung fortgeschrittener Technologien und verweist auf strukturelle Umsetzungsprobleme. Das ist gefährlicher als ein einzelner schlechter Rang in irgendeinem Index. Denn technologische Stärke bringt wenig, wenn sie zu langsam in Prozesse, Produkte und öffentliche Systeme übersetzt wird.

Deutschland wirkt digital deshalb nicht wie ein Land ohne Fähigkeiten. Es wirkt wie ein Land, das seine Fähigkeiten ständig durch Reibung abschwächt. Wir bauen Zuständigkeiten um Zuständigkeiten, Programme um Programme und Portale um Portale. Danach wundern wir uns, warum sich der Alltag für Bürger und Unternehmen viel weniger verändert als die Strategiepapiere vermuten lassen. Der eigentliche Rückstand entsteht nicht nur gegenüber anderen Ländern. Er entsteht zwischen dem, was wir technisch könnten, und dem, was wir organisatorisch tatsächlich hinbekommen.

Mich stört daran besonders die kulturelle Gewöhnung an Langsamkeit. Bei fast jedem Digitalprojekt klingt Verzögerung irgendwann wie ein Naturgesetz: Föderalismus, Datenschutz, Vergabe, Sicherheit, Zuständigkeit, Bestandssysteme. Viele dieser Punkte sind real und wichtig. Aber wenn dieselben Gründe über Jahre dieselben Ergebnisse produzieren, sind sie keine Erklärung mehr. Dann sind sie Teil des Systems, das man beurteilen muss. Deutschland hat digital einen Stock im Getriebe – und hält ihn erstaunlich oft selbst fest.

Dabei fehlt es nicht einmal zwingend am Geld. Deutschlands nationaler Fahrplan zur digitalen Dekade umfasst laut EU-Kommission 50 Maßnahmen mit einem Volumen von 102,1 Milliarden Euro; 46,8 Milliarden Euro davon stammen aus öffentlichen Haushalten. Das ist eine enorme Größenordnung. Geld ist also wichtig, aber es beantwortet nicht die entscheidende Frage: Entsteht am Ende ein System, das ein Mensch tatsächlich ohne Medienbruch, Mehrfacheingabe und Behörden-Pingpong benutzen kann?

Vielleicht messen wir Digitalisierung deshalb zu häufig an Projekten und zu selten an Reibung. Entscheidend ist nicht, wie viele Portale online sind, sondern ob Daten einmal angegeben werden und danach dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Nicht, wie viele Gigabit theoretisch an einer Straße vorbeilaufen, sondern wie viele Anschlüsse tatsächlich aktiv sind. Nicht, wie viele KI-Strategien existieren, sondern ob Unternehmen und Verwaltung produktiver werden. Digitalisierung ist kein Schaufenster. Sie ist die unsichtbare Infrastruktur, an der man merkt, ob ein Land funktioniert.

Deutschland muss sich dabei nicht kleinreden. Gerade unsere Stärken machen die Schwächen so unnötig. Ein Land, das Maschinen, Chips, Forschung, industrielle Software und komplexe Infrastruktur beherrscht, sollte nicht daran scheitern, Register miteinander sprechen zu lassen oder eine Unternehmensgründung als durchgängigen digitalen Prozess zu organisieren. Das ist für mich die eigentliche Zumutung: Wir hängen nicht hinten, weil wir nichts können. Wir hängen hinten, weil wir zu oft aus Können keine Geschwindigkeit machen. Und irgendwann ist Langsamkeit keine Vorsicht mehr. Sie ist ein Wettbewerbsnachteil.

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